Es liegt inzwischen 20 Jahre zurück, dass ich die ersten Familienmediationen durchführen durfte und anlässlich dieses Jubiläums erinnere ich mich zurück, blicke in einige der damaligen Vereinbarungen. Dabei fällt mir ganz stark auf, wie gesetzliche Veränderungen unsere Gesellschaft prägen und damit unseren Umgang mit bestimmten Themen. Damals gab es das gemeinsame Sorgerecht noch nicht als Regelfall, sondern es musste bei jeder Scheidung entschieden werden, wer das alleinige Sorgerecht für die Kinder bekommt. Und das hat natürlich dazu geführt, dass jeder mit dem Finger auf den anderen zeigte und das Gericht davon zu überzeugen suchte, dass der andere es keinesfalls bekommen sollte. Weil er – ja, meist der Vater – die Kinder sowieso nicht richtig versorgen kann, weil er Vollzeit arbeitet und außerdem zu nachlässig ist mit der Ernährung, mit den Kleidern, der Schule, der Gesundheit, dem Medienkonsum. Das waren so die Klassiker. Und darüber wurde dann in unzähligen Gerichtsverfahren heftig gestritten. Denn es ging ja um viel: Um die Möglichkeit, noch ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen für die Kinder zu haben oder raus zu sein. Um die Möglichkeit, Teil des Lebens der Kinder zu sein und um das Gefühl von Ungerechtigkeit, als schlechter Vater oder als schlechte Mutter abgestempelt zu werden.

Mit dem gemeinsamen Sorgerecht als Regelfall hat diese systematische Schieflage aufgehört und ist nach und nach einer neuen Selbstverständlichkeit gewichen: Dem gesellschaftlichen Konsens, dass Kinder beide Eltern brauchen und dass es okay für sie ist, wenn sie verschiedene Lebensstile durch ihre Eltern kennenlernen. Dass sie genau das gut vorbereitet auf ihre eigenen Entscheidungen, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

Mittels einer Mediation haben viele Eltern damals verhandelt, wie sie es mit dem gemeinsamen Sorgerecht hinbekommen können. Wir MediatorInnen durften sie dabei unterstützen. Darauf bin ich im Nachhinein auch ein bisschen stolz, denn wir waren mutig und haben uns auf neue Wege eingelassen, die andere Fachleute noch mit großer Skepsis betrachtet haben.

Auch heute gibt es solche umstrittenen, innovativen Themen, sei es in Familien, sei es im Arbeitsleben, und wir MediatorInnen gestalten sie mutig mit.

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